hechtsuppe's Blog

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Der Orkan

Sie sprachen von einem Orkan.
Er käme so nah und über Nacht.
Ich lehnte mich zurück,
hatte so schon Stunden verbracht.


Regentropfen rannen über das Fenster,
im Dunkel war das alles was ich sah.
Ich redete ohne Worte zu verwenden,
als meine Sprache nur noch salzig war.


Niemand, der sich auf die Straße traute,
diese Nacht gehörte mir allein.
Ich verließ voller Erwartung das Haus,
stellte mich auf das Schlimmste ein.


Durchstreifte vereinsamte Gassen,
passierte graue Häuserzeilen,
verwaiste Vorgärten, leere Höfe,
begann mich mehr und mehr zu beeilen.


Ich nahm meine Beine in die Hand,
rannte über ein Feld zum nächsten Ort,
vernahm keinen einzigen Tierlaut,
denn selbst sie waren fort.


Das Gras beugte sich unter meinen Füßen,
Blätter fielen mir vom Himmel entgegen,
wirbelten mir nach, in meinen Sog,
im immer stärker werdenden Regen.


Ich rannte noch schneller,
ziellos über zwei Hügel zu einem Tal,
in dem ich jemanden stehen sah.
In dessen Richtung fiel meine Wahl.


Ausgestreckte Arme, wehendes Haar,
ein fliegendes Gewand über ihren nackten Füßen,
ich warf mich auf sie, zog sie zu Boden,
nur zum Schutz - und begann sie zu küssen.


Sacht und unsagbar sanft,
unter freiem Himmel und ein paar Bäumen,
jegliche Eile und Zeit vergessend,
herbeigesehnt in all meinen Träumen.


Sie beugte sich über mich und flüsterte:
"Sie sprachen von einem Orkan.
Er käme über Nacht und so nah.
Sie hatten recht, ich sehe ihn.
Jetzt ist er da."

 

Verkleidet

Wenn sich alles traurig anfühlt,
die Tage kalt und trübe sind,
wenn es Zeit zum Schweigen ist,
ist der erste Hauch, den du spürst,
der in deinem Haar spielende Wind.


Wenn sich die Beine mit Blei füllen,
die Arme schwer herunterhängen,
als ob dich etwas zu Boden zieht,
halten dich zahllose Tentakel aufrecht,
wie an Schnüren gezogen in ihren Fängen.


Wenn du nicht mehr laufen kannst,
der Kopf zu müde ist,
um zu wissen wohin er soll,
trägt dich etwas so lange,
bis du wieder bei Kräften bist.


Wenn du dich einsam fühlst,
nicht verstanden von der Welt,
als ob du eine andere Sprache sprichst,
begegnest du jemandem in deinen Träumen,
die für dich stets ihre Seele offen hält.


Wenn dich nach Liebe dürstet,
du sie suchst weil die Erinnerung verblasst,
so als hättest du sie lange nicht erlebt,
küsst dir etwas die Tränen von den Wangen,
bis du sie endlich wieder hast.


Und wenn du dir dann Fragen stellst,
zu diesen fremden Hilfen und dem Grund,
wirst du Antworten finden,
verkleidet mal als Lüftchen,
mal als Krake,
mal als Vogel,
mal als Traumgetalt,
und manchmal auch als Mund.

 

Why?

Dich wundern meine Zeilen?
Sie wollen Dich nur einladen
eine zeitlang zu verweilen.


Hier bei mir sollst Du Dich wärmen,
den Verdruss vergessen, dem Alltag enteilen,
weg von Ärgernissen, die nur noch lärmen.


Sei ohne Furcht, komm', setz' Dich zu mir,
atme durch, trinke meine Worte,
sie sollen auf Dich wirken wie ein Elixier.


Ich will Dich nicht halten, nicht an mich binden,
aber sieh' mich bitte an, denn ich sage Dir,
gäbe es keine Liebe, ich würde sie erfinden.

 

Fruchtbarer Boden

Hörst du das Rufen
aus der weiten Wildnis,
wo sich Wölfe, Trolle und Elfen
ihre Heimat schufen?


Siehst du das Flimmern
am fernen Horizont,
wo der Nebel sich auslöst
und Gräser im Abendlicht schimmern?


Riechst du den Duft
von den Kräutern meiner Saat,
der sich ausbreitet,
betörend, überall in der Luft?


Spürst du die Wärme
von den entfachten Feuern
und spürst du den Wind
der dazu tanzenden Vogelschwärme?


Fühlst du die feuchte Erde
unter deinen nackten Füßen,
die dich sanft zu Boden zieht,
damit ich Eins mit dir werde?


Wo wir uns nicht mehr verstecken müssen,
vor den finsteren Mächten dieser Welt,
und wo ich dich bedecken werde
mit unzähligen Küssen.


Verbunden für alle Zeit,
umarmt im fruchtbarsten Element,
wo durch Samen neues Leben entsteht,
trotzend der Kälte und der Einsamkeit.


Aus unseren Samen wachsen Triebe,
die nach dem Himmel streben,
ewig wachsend aus dem fruchtbaren Boden
unserer tiefen und nie endenden Liebe.

 

U6

Menschen über Menschen,
in dicken Mänteln schnaubend,
sich gegenseitig völlig fremd,
teils sitzend, teils stehend,
scheinbar nichts gemein,
und doch allesamt nach Hause sehnend.


Eine anonyme Heerschar,
von jung bis alt,
von dick bis dünn,
von laut bis leise,
von frierend bis schwitzend,
von einfach gestrickt bis weise.


Ein Völkchen für sich,
das sich allabendlich
stets zur selben Zeit
- denn Verspätungen werden gemieden -
durch die Stadt schaukeln lässt,
auf recht schmalen Schienen.


Die Augenpaare oft gut versteckt,
zeigen zum Fenster hinaus,
tief in die Nacht der Tunnels,
auf die Schuhe und deren neuesten Flecke,
auf die zerknitterte Zeitung des Nachbarn,
oder die grellen Neonröhren an der Decke.


Und treffen sich zwei,
rein zufällig nur,
schaut mindestens eines umgehend weg,
verschämt über den schlimmen Fauxpas.
Könnte man es doch nur rückgängig machen,
so tun, als wenn gar nichts war.


Ein einziges Mal jedoch
- es ist schon sehr lange her -
war alles anders als noch zuvor.
Gut zehn Meter hinter mir,
ein scheinbar fröhliches Mädchen, und ich dachte noch -
was will die denn hier?

Sie wollte partout nicht wegsehen,
ich konnte es nicht glauben,
dies übertrieben freundliche Wesen
besaß doch die Frechheit, mitten in der Bahn,
in einem überfüllten Wagen mit mir zu flirten.
Sie war wohl im Wahn!


Anfangs vermied ich den direkten Augenkontakt,
beobachtete über die sich spiegelnden Fenster,
wollte sie ignorieren,
versagte bei jedem Versuch kläglich,
ich wurde nervös
und hielt das für schädlich.


Ich sah in jede Himmelsrichtung,
sekundenschnell meine Blicke wechselnd,
aber immer wenn ich mich umdrehte,
spürte ich ein Messer in meiner Brust -
dieser Blick und ihr Lächeln...
als hätte sie es gewusst.


Keine zwei Haltestellen gemeinsamer Fahrt,
und ich war wie vom Blitz getroffen.
Mir blieb nur noch eine,
um schnell zu entscheiden,
wie ich sie ansprechen sollte,
ohne dabei einen Infarkt zu erleiden.


Mir fiel auf die Schnelle nichts ein,
ich war noch so jung,
so naiv und so dumm.
Ich lief zur Tür,
schweigend an ihr vorbei,
stieg aus,
die Türen schlossen sich,
ich sah noch ihre traurigen Augen,
stand noch dort,
als die Bahn längst am Horizont entschwand,
allein und verlassen,
vor allem von meinem Mut;
und was mir sonst noch blieb,
war nichts weiter als meine Wut.


Wochenlang variiertre ich die abendliche Verbindung;
müßig zu erwähnen - ich traf sie nicht wieder.
Irgendwann gab ich es auf,
gestand es mir ein und machte den Schnitt;
eine Bahn fuhr ein, ich blieb stehen
- abwinkend -
"Ich fahr' nicht mehr mit."