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Chronik

Chronik (eines lyrischen Ichs)

 

Im ersten Jahr
entschied man sich,
mir eine Rassel zu schenken.
Nicht des netten Geräusches wegen,
sondern schlicht,
um mich vom vielen Schreien abzulenken.


Im achten Jahr
träumte ich von einer Villa;
die stand in Schweden und war kunterbunt.
Aber nicht nur des kleinen Onkels wegen,
denn ich wollte schon damals
noch lieber einen Hund.


Im zwölften Jahr
trieb ich von morgens bis abends
fast ausschließlich Sport.
Und weil mir das wichtiger als die Schule war,
bekam ich ständig Ärger
und musste regelmäßig zum Rapport.


Im siebzehnten Jahr
fiel mir der widerspenstige Ball
des Öfteren aus den nassen Händen.
Nicht weil es mir plötzlich an Talent mangelte,
sondern weil ich etwas im Auge hatte -
brünett, von den Schultern bis zu den Lenden.


Im zwanzigsten Jahr
sah ich so unsagbar viele
alte und gleichermaßen junge Menschen sterben,
so dass ich mich fragte,
ob es wirklich der richtige Weg ist,
Florence Nightingale zu beerben.


Im sechsundzwanzigsten Jahr
wurde ich verhaftet -
schuldig im Sinne der Anklage.
Denn ich war noch auf dem Markt,
und weil man das ändern wollte,
besiegelte ein Ring das Ende aller ledigen Tage.


Im neunundzwanzigsten Jahr
an einem kühlen Morgen um neun,
weinte ich vor Glück.
Knapp dreitausend Gramm Opium für das Herz,
ich war gleich so verliebt in den Kleinen,
darauf blicke ich so gern zurück.


Im einunddreißigsten Jahr
entdeckte ich ein Häuschen im Grünen
und nahm es in Beschlag.
Als nur wenig später Wasser in den Keller brach,
war guter Rat teuer:
"Siehste, ich hab's doch gleich gesagt."


Im dreiunddreißigsten Jahr
lernte ich, dass ich keine Maschinen brauche,
um überall hin zu reisen.
Es genügt ein Blatt Papier,
ein Bleistift und die Kraft meiner Gedanken,
die mir meine Pfade weisen.


Im fünfunddreißigsten Jahr
erfüllte ich mir einen
lange gehegten Kindheitstraum.
Und ich war einer der Wenigen,
der das ohne Raketenantrieb schaffte -
ich flog in den Weltraum.


Im sechsunddreißigsten Jahr
lernte ich ohne zu bellen oder zu jaulen,
wie ein Tier zu denken und zu sprechen.
Ich suchte mir einen Bau,
um mich bei Gefahr darin zu verkriechen,
während andere versuchten mich zu brechen.


Im vierzigsten Jahr
wusste ich mit einem Mal,
ich war endlich universal entgrenzt.
Keine Rolle zwischen Flora, Fauna und Menschheit
war mir nun mehr fremd;
ich weiß nicht, ob du das kennst.


Und die Zeit blieb stehen,
keine Jahre vergingen mehr,
denn ich konnte sie anhalten,
indem ich mit dem Finger schnippte.
All die Vergänglichkeit - ausgelöscht,
um zu leben, anstatt zu verwalten.


Der Himmel öffnete sich
um mich zu umarmen
und um sich mit mir zu einen.
Die Nacht nahm mich in ihren Schoß,
bettete mich auf Wolken,
und war stets Zeuge in meinen Träumen.


So lernte ich Wasser zu werden,
um in jede noch seine kleine Ritze
dieser Welt zu fließen,
in der Luft zu verdampfen,
um später als mächtiger Regen
meine eigene Saat zu begießen.


Mangelt es an Licht - nicht schlimm,
denn ich kann auch im Dunkel sehen,
mich in einen Schatten verwandeln,
Häuserwände und Gassen bedecken,
und genauso eifrig
wie am Tage handeln.


Ich wurde zu Sternenstaub,
umhüllte damit sanft fremde Seelen,
ohne es zu müssen.
Und weiter sage ich,
man kann Herzen zwar im Sturm erobern,
man kann sie aber auch mit Worten küssen.


Selbst wenn ich ein Baum bin,
werde ich in alle Richtungen ausschlagen,
mit meinen nicht enden wollenden Trieben.
Auch wenn das andere
als Größenwahn interpretieren,
ich nenne es lieben.


Vers für Vers,
Zeile für Zeile,
Wort für Wort,
Unsterblichkeit.
Meine Hülle ist nebensächlich,
wegen mir - nehmt sie hinfort.


Und wer das im Ansatz begreift,
wen all das nicht abschreckt,
mit dem bin ich längst quitt.

Und wer mich nicht nur trotz allem,
sondern gerade deshalb liebt,
den nehme ich auf meinen Reisen mit.

 

6.6.10 16:19

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(6.6.10 16:23)
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